Sr. Rebekka: Was fasziniert Sie persönlich am Baustoff Lehm?
Felix Hilgert: Jedes Jahr fallen über 50 Millionen Tonnen Aushubmaterial an, das grösstenteils direkt entsorgt wird. Das Material landet in der Regel in der Wiederverfüllung von Kiesgruben – also genau dort, wo der Kies für die heutige Betonherstellung gewonnen wird. Hier liegt einer der grössten nicht geschlossenen Kreisläufe unserer Gesellschaft. Es sind gewaltige Mengen eines potenziellen Baustoffs, der ungenutzt entsorgt wird. Mich fasziniert es zu zeigen, dass man daraus hochwertige Baustoffe herstellen und damit sinnvollere Gebäude bauen kann.
Warum ist Trasskalk für unser Alterszentrum besonders geeignet?
Grundsätzlich eignen sich Trasskalk und Lehmbaustoffe immer dafür, konventionelle Baustoffe mit hohem Energieverbrauch in der Herstellung zu ersetzen. Genau das ist auch beim Alterszentrum geschehen: Statt beispielsweise einer Betonfassade wurde eine Trasskalkfassade vor Ort gestampft. Hier kommen aber vor allem Architektur und Funktion zusammen. Die Trasskalkfassade schützt das Gebäude und erzeugt einen monolithischen, modernen Ausdruck, der unverwechselbar mit dem Gebäude und seiner gebauten Umgebung im Einklang steht.
Warum möchten Sie Studierende für den Baustoff Lehm begeistern?
Wir sollten unseren Ressourcenverbrauch hinterfragen. Gerade Studierende sind für dieses Thema besonders sensibilisiert. Ich möchte sie für die vielfältigen Anwendungen alternativer Baustoffe begeistern. Neben Trasskalk und Stampflehm gibt es etwa bei Lehmputz oder Lehmplatten noch viel Potenzial zu entdecken.
Und was möchten Sie ihnen dabei mit auf den Weg geben?
Vor allem zeigen wir ihnen Möglichkeiten auf, wie man mit alternativen Baustoffen konstruieren und entwerfen kann. Entscheidend ist, die Stärken und Grenzen der verschiedenen Materialien zu kennen und sie verantwortungsvoll sowie materialgerecht einzusetzen. Dafür braucht es auch einen «langen Atem»: viel Ausdauer: Die Umstände drängen einen oft zurück zu konventionellen Baustoffen – nicht zuletzt deshalb wird ja noch so viel mit ihnen gebaut.
Lehm gilt als Baustoff der Zukunft. Weshalb wird er noch so wenig genutzt?
Das grösste Hindernis sind derzeit die vergleichsweise hohen Kosten. Die Lehmbauwirtschaft ist noch klein und kann deshalb mit den hocheffizienten Produktions- und Lieferketten konventioneller Baustoffe noch nicht mithalten. Wichtig zu verstehen ist, dass etwa Beton extrem günstig ist; er kostet weniger als Trinkwasser oder Milch aus dem Supermarkt. Darüber hinaus hat unsere Gesellschaft in den letzten 150 Jahren weitgehend vergessen, dass man vor der Industrialisierung auch in Mitteleuropa mit Lehm gebaut hat. Auch in der Schweiz gibt es viele alte Lehmgebäude aus dieser Zeit.
Wo erleben Sie derzeit die spannendsten Entwicklungen im Lehmbau?
In Deutschland ist gerade etwas sehr Erfreuliches geschehen. Dort darf in der Regel nur mit gültiger Norm gebaut werden, und seit Kurzem gibt es wieder eine Norm für den tragenden Lehmbau aus ungebrannten Lehmsteinen. Damit ist es nun möglich, im grossen Stil Mehrfamilienhäuser von bis zu vier oder fünf Geschossen aus tragendem, gepresstem Lehmstein zu bauen.
Auf welches Projekt oder Produkt aus Ihrer Arbeit sind Sie besonders stolz?
In den letzten zehn Jahren durften wir viele spannende Projekte und Produkte entwickeln und einige davon auch umsetzen. Die Gesamtheit dieses Werks, das vor allem viele motivierte Leute gemeinsam gemeistert haben, macht mich besonders stolz. Denn gute Lösungen entstehen nur dann, wenn engagierte Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und etwas Sinnvolles schaffen.
Spielt Lehm auch in Ihrem Privatleben eine Rolle?
Natürlich! Ich lebte selbst einmal in einer Wohnung, die wir mit Lehm saniert hatten. Ansonsten suche ich den Ausgleich zu unserer Arbeit eher in der Natur. Sie ist es auch, die mich motiviert, zu ihrem Schutz mit Lehm zu bauen.
Welche Berührungspunkte haben Sie mit dem Kloster Ingenbohl – ausser der unmittelbaren Nachbarschaft zur Lehmag in Brunnen?
Mit dem Kloster Ingenbohl verbindet uns eine langjährige Zusammenarbeit. Bei unseren Workshops in Brunnen waren wir dort immer willkommen. Besonders schätze ich die Offenheit der Schwestern und die besondere Atmosphäre des Ortes. Zudem faszinieren mich die architektonisch hochwertigen Gebäude aus verschiedenen Epochen, die das Areal prägen.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Steckbrief) Felix Hilgert hat Bauingenieurwissenschaften an der ETH Zürich studiert und seine Master-arbeit zum Thema «Excavation material as the new building resource for Zurich» verfasst. Seit 2017 ist Hilgert Mitarbeiter bei Boltshauser Architekten AG, Zürich und seit Herbst 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gastdozentur Roger Boltshauser an der ETH Zürich. 2019 gründete Felix Hilgert zusammen mit Lukas Baumann die LEHMAG AG, ein Bauunternehmen für nachhaltiges Bauen mit Aushubmaterial Lehm.
Weitere Informationen zur Ausstellung:
Lehm erleben auf dem Klosterhügel
Die Ausstellung «Prinzip Reduktion» ist noch bis zum 20. September 2026 täglich von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 19 Uhr geöffnet, am Samstag und Sonntag bis 17 Uhr. Sie findet in der brutalistischen Architektur der Klosteranlage auf dem Hügel einen stimmigen Rahmen. Besonders lohnend ist ein Besuch am Morgen, wenn das Sonnenlicht durch die farbigen Fenster fällt und die Exponate stimmungsvoll beleuchtet. Der Eintritt ist frei.
Lehmbau erleben und diskutieren
Im Rahmen der Ausstellung «Prinzip Reduktion» spricht der Architekt Roger Boltshauser am Donnerstag, 20. August 2026, um 18 Uhr im Gästerefektorium des Klosters über den Lehmbau. Anschliessend gibt es beim Apéro und beim Besuch der Ausstellung Gelegenheit zum Austausch.


